Standort Arnstadt / Station Nadelwerk Ichtershausen

Die Nadeln mit dem Adlerkopf im Strahlenkranz

Ich arbeite in der Nadel. Jeder ältere Arnstädter oder Bewohner Ichtershausens weiß mit diesem Satz irgend etwas anzufangen. Der eine mehr, der andere weniger. Mal war es der Großvater, der dort in der Schlosserei schwitzte, mal die Tante, die in der Verpackung arbeitete, oder ein Kraftfahrer, der die Nadeln mit seinem Lkw auslieferte weit über 1000 Menschen fanden im einstigen Nadelwerk Ichtershausen Lohn und Brot. Auch ganz privat war die Nadel vielen Ostdeutschen ein Begriff. Schließlich kamen aus dem kleinen Ort nahe Arnstadt jene kleinen und griffigen Päckchen, die in den Sechzigern unter der Marke Ich Nadeln an Hausfrauen verkauft wurden. Zur Erinnerung: Das war ein kleiner Papierbehälter zum Auseinanderklappen. In der Mitte höchst originell gestaltet steckte so etwas wie eine Mini-Vorrichtung zum Einfädeln des Fadens. Links die kräftigeren Nadeln, rechts die feinen. Witzig war auch der in den Achtzigern hergestellte kleine Nadelkoffer zum Mitnehmen auf die Reise ebenfalls aus dünner Pappe. Das Besondere daran: Außen waren Reiseziele wie Wien oder Paris aufgedruckt, die man als normaler DDR-Bürger nun wirklich nicht ansteuern konnte.

Die Nadeln aus Ichtershausen aber schafften es, in die halbe Welt exportiert zu werden. Das funktionierte aber nur so lange, wie man sie zu vergleichsweise niedrigen DDR-Löhnen produzieren und billig im Export anbieten konnte. Manches, was an klugen Nadel-Ideen in Ichtershausen auch für den West-Markt geboren wurde, scheiterte an der Kurzsichtigkeit und Borniertheit der Oberen. Recht früh beispielsweise kamen Techniker auf die Idee, ein Sortiment von Nadeln für die Akupunktur in Serie zu produzieren. Also schrieben der Betriebsdirektor und die Werktätigen des VEB Nadelwerke in einem Brief von 1974: Auf Anfragen und Empfehlung von Ärzten wurden Akupunkturnadeln seit zwei Jahren als Forschungs- und Entwicklungsthema festgelegt. Eine staatliche Aufgabenstellung dazu lag allerdings nicht vor. Trotzdem wurde eine Nullserie aufgelegt, die kurz vor der Vollendung steht. Irgendwann kam das Antwortschreiben. Darin heißt es: Auf Anfrage des Betriebsdirektors beim Ministerium für Gesundheitswesen der DDR über einen Bedarf und die Produktion solcher Nadeln wurde zum Ausdruck gebracht, dass derzeitig in der DDR kein Bedarf nach solchen Nadeln vorhanden ist, da die Wissenschaftlichkeit einer solchen Behandlung in Frage gestellt ist. . . Ja, das war s dann wohl.
Heute gehören solche Nadeln längst zu ganz normalen und gut bezahlten Produkten der Branche. Die Entwickler aus Ichtershausen hatten eben ein besonderes Problem: Sie waren ihrer Zeit voraus!

Das alles ist Geschichte.

Geblieben ist ein Gebäudekomplex mit schönem Fachwerk, der beim Passieren des Ortsschildes aus Richtung Erfurt jedem ins Auge sticht. Der dreigeschossige Fachwerkbau steht als frühes Industriedenkmal unter Denkmalschutz. Das Nadelwerk in Ichtershausen wurde 1862 von Wilhelm Wolff und August Knippenberg gegründet. 1891 entstand daraus die AG Thüringische Nadelfabrik Wolff und Knippenberg. Es gab schon damals Zweigwerke in Arnstadt und Ohrdruf. 1920 wandelte sich die AG in eine GmbH um und diese wurde dann an die Rheinischen Nadelfabriken Aachen angeschlossen. Schon im ersten Jahr nach der Eröffnung fanden 100 Arbeiter in der Fabrik ihr Auskommen. Sie fertigten zunächst Näh-, Stick-, Stopf- und Stricknadeln, bevor in Ichtershausen 1869 und damit in einer der ersten Nadelfabriken in der Welt die Herstellung von Nähmaschinennadeln aufgenommen wurde. Damit waren die Ichtershäuser technologisch gesehen waschechte Pioniere auf ihrer Strecke. Die Erzeugnisse wurden mit der Handelsmarke Adlerkopf im Strahlenkranz trotz härtester Konkurrenz aus England und Aachen weltweit bekannt. Viele Jahrzehnte war das Werk ein führender Nähmaschinennadelhersteller, heißt es in einer Chronik des Unternehmens. In das Jahr 1869 fällt auch der Baubeginn des ersten Hauses für Mitarbeiter auf dem Gelände der heutigen Klosterstraße. Immer wieder trug das Nadelwerk zur allgemeinen Entwicklung des Ortes bei, ist im Internet nachzulesen. So sind eine Vielzahl von Wohnungen, Schrebergärten, der Kindergarten, die Kegelbahn und das ehemalige Kulturhaus Zur Post im Laufe der Jahre entstanden. Nichts läuft ohne funktionierende Transportwege. Also schob das Unternehmen auch den Bau einer Bahnlinie von Arnstadt nach Ichtershausen an. Im Jahr 1887, dem Jahr des 25-jährigen Betriebsjubiläums, wurden täglich rund zwei Millionen verschiedenster Nadeln hergestellt.

Eine stolze Zahl.

Im Jahre 1912 beschäftigte die Fabrik über 900 Leute und galt als eine der größten Nadelfabriken der Welt. Für den Vertrieb waren mehrere Reisende und 40 Vertreter in allen Landen tätig. Außerdem wurden ständige gut sortierte Lager in Berlin, Iserlohn, Paris und Marseille unterhalten. In den Jahren 1937 bis 1962 vollzogen sich in der Welt in jeder Hinsicht einschneidende Veränderungen. Die Produktion in Ichtershausen jedoch blieb sogar während des Zweiten Weltkrieges weitestgehend erhalten. Zum 1. Juli 1948 wurde der Betrieb in das Volkseigentum überführt. Das neue Markenzeichen bestand aus einem Globus mit durchgestochener Nadel, umlaufendem Nähfaden und dem Schriftzug Ich Nadeln. Dieses wurde zum Sinnbild der Qualität der Erzeugnisse in den Folgejahren. Mit Aufnahme der Nadeln für Textilmaschinen und von Chirurgischen Nadeln in das Produktionsprogramm stieg die Anzahl der Arbeitskräfte noch einmal an. 1969 wurde das Kombinat Solidor Heiligenstadt gegründet, dem man das Nadelwerk dann zuordnete. Mehrere Rationalisierungsvorhaben wie die Fertigung von Industrienähmaschinennadeln, Glas- und Plastkopfstecknadeln oder Rundstricknadeln konnten in den 70er-Jahren erfolgreich zum Abschluss gebracht werden. Auch wurde die Produktion effizienter gestaltet. Wie in vielen anderen Betrieben der DDR gab es so manche planerische Pannen und Pleiten. So wurde damals das Mitte der 70er-Jahre gerade neu erbaute Ölheizwerk wieder stillgelegt, da auf Beschluss der Regierung nur noch mit Braunkohle geheizt werden durfte. Nach der Wende entstand die TNI Thüringische Nadel GmbH . 1996 schließlich wurde das Nadelwerk liquidiert. Es lohnte nicht mehr!

Das Gebäude aber ist geblieben.

Besonders der turmbekrönte Eckbau prägt optisch den Ortseingang aus Richtung Erfurt. Der dreistöckige Fachwerkbau selbst besticht durch sein Fassadenbild. Dabei fallen besonders die vielteiligen und zu Dreiergruppen gekoppelten Fenster auf. Hinzu kommen die sichtbare Fachwerkkonstruktion mit verputzten Gefachen, der achteckige Eckturm mit umlaufendem Fensterband und die Uhr am Kegeldach. Wie auch immer: Das heutige Ichtershausen kann man sich ohne das alte Werk nicht mehr vorstellen. Es gehört einfach dazu!

 

TNI Chirurgisches Nadelwerk GmbH Ichtershausen
Erfurter Strasse 46
D-99334 Amt Wachsenburg/Thüringen
OT Ichtershausen
Telefon: 03628 62 02 0
Telefax: 03628 62 02 38
Email: t-n-i@t-n-i.de

 

www.t-n-i.de

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Katalog Chirurgische Nähnadeln
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