Standort Waltershausen / Station Puppenfabrik Waltershausen

Kennen Sie die Biggi-Puppe aus Waltershausen? Männer werden entnervt mit dem Kopf schütteln. Aber ich bin mir sicher: Fast jede Thüringerin im besten Alter hat als Kind irgendwann einmal mit diesem kleinen Knuddelding aus Plaste gespielt. Doch die Geschichte der Puppenindustrie Waltershausens ist weit älter und begann nicht erst zu DDR-Zeiten. Puppen gehören seit zwei Jahrhunderten zu Waltershausen, wie der Aro zu Neudietendorf, Born-Senf zu Erfurt oder Weimar-Porzellan zu Blankenhain. Nicht umsonst führt eine eigene historische Spielzeugstraße von Nürnberg über Coburg und Sonneberg direkt ins Gothaer Land. Hier entstand einst all das, was Kinderherzen höher schlagen lässt: Puppen, Schaukelpferde, Felltiere, Holzspielzeug, Puppenmöbel und -geschirr, Wollspielzeug sowie Gummibälle. Aber auch Kinderuhren, Zinnspielwaren, Masken und Scherzartikel. Waltershausen selbst war das Zentrum der Puppenherstellung und Ohrdruf stand für Schaukelpferde.
Die Gegend um Waltershausen und die anderen Thüringer Walddörfer waren seit jeher durch außerordentliche Armut der Bewohner charakterisiert. Diese wurde noch größer, als die Heimarbeiter ihre Webwaren zuerst im Zuge der französischen Kontinentalsperre, dann nach 1815 durch die auf den deutschen Markt drängenden billigeren englischen Stoffe und die preußische Zollpolitik nicht mehr absetzen konnten. Ein riesiges Reservoir an Arbeitskräften wartete. Die Menschen waren bereit, für niedrigste Löhne zu arbeiten. Das nutzte die entstehende Spielzeugindustrie für sich aus. Sie beschäftigte zu einem großen Teil die Heimarbeiter, erst in DDR-Zeiten reduzierte sich deren Zahl erheblich.

Mit Papiermaché-Puppen fing in Waltershausen alles an. Johann Daniel Kestner begann spätestens 1815 mit einer bescheidenen Puppenproduktion. Er handelte schon seit der Zeit der französischen Besatzung mit den verschiedensten Dingen des täglichen Bedarfs und hatte 1815 bereits Geschäftsbeziehungen nach England und den Niederlanden.
Dorthin lieferte er in jenen Jahren erstmals nachweisbar Papiermaché-Puppenköpfe und dazu Puppenkörper aus weißem Leder. Während er die kleinen Köpfe in seiner eigenen Firma herstellte, wurden die ledernen Puppenkörper von Heimarbeitern genäht. Der Händler Johann Daniel Kestner betrieb also nebenher eine eigene Produktion. Nach und nach entwickelte sich eine der größten und bedeutendsten Puppenfabriken.
Kestner war aber bei Weitem nicht der Einzige. Im Jahr 1885 gründeten der Modelleur Ernst Kämmer und der Kaufmann Franz Reinhardt eine Puppenfabrik, die fortan Geschichte schreiben sollte. Die beiden Unternehmer bauten unter den 13 Puppenfabriken in Waltershausen und Umgebung die größte und leistungsstärkste auf. Noch eines: Kämmer und Reinhardt revolutionierten die deutsche Puppenindustrie. Beispiele gefällig? Bereits um 1890 brachte die Firma die ersten sprechenden Puppen auf den Markt. Wenige Jahre später um 1909 gingen die Charakterpuppen in Produktion, die sich rasch den Weltmarkt eroberten. Schlag auf Schlag kamen neue Puppen-Generationen in immer wieder innovativen Varianten auf den Markt. So wurden im Jahr 1910 vom Modelleur Krauser die bekannten Puppen Hans und Gretchen geschaffen. Nur vier Jahre später beschäftigte das Unternehmen 160 Fabrik- und 200 Heimarbeiter.
Im Auf und Ab ging es bis in die Zeit der DDR hinein. Die zahlreichen Puppenfabriken der Stadt Waltershausen wurden nach und nach verstaatlicht, dann vereinigte man sie in einem volkseigenen Betrieb mit dem gemeinsamen Firmenzeichen „biggi“. Ab 1976 hieß er VEB Puppenfabrik biggi Waltershausen. Die Puppenproduktion konnte Mitte der Achtzigerjahre dank Rekonstruktion und Rationalisierung enorm erhöht werden - jetzt stellte man am Fließband alle acht Sekunden eine neue Puppe her.
Trotz langer Tradition, des guten Rufes sowie der Menge exportierter Spielwaren waren die Verluste nach der Wende beim Übergang in die Marktwirtschaft enorm. Die biggi Spielwaren GmbH hatte keinen Bestand. Im historischen Gebäude der einstigen Puppenfabrik von Kämmer und Reinhardt zog ein für Industriegebäude wohl seltener Mieter ein: eine Kommune.
Das Gebäude von 1902 ist weitgehend original erhalten. Es ist ein dreigeschossiger, mehrflügeliger roter Klinkerbau. Reste von schmiedeeisernen Türgittern sind noch zu sehen.
Interessant: Es ist noch die originale Firmengründungs-Inschrift erhalten. Der Spruch lautet: „Für Kinder ist das Beste gut genug. Vorwärts immer, rückwärts nimmer.“

Nach langem Leerstand hat der Verein KoWa im März des Jahres 2003 die Immobilie der alten Puppenfabrik in der August-Bebel-Straße für 125 000 Euro gekauft. Der Zustand war erbärmlich: Der gesamte Komplex war vermüllt, der einzige Kellerraum stand unter Wasser. Alle Gebäude, die ehemals zur Puppenfabrik gehörten und nicht unter Denkmalschutz standen, waren abgerissen, das Gelände größtenteils mit Bauschutt aufgefüllt. Die beiden denkmalgeschützten Gebäudeteile waren entkernt, die meisten Fenster und ein Großteil der Treppengeländer zerstört. Zu Zeiten des Fabrikbetriebes waren diverse Umbauten an der Fassade vorgenommen worden. Die Vereinsmitglieder der KoWa packten an und hatten bis Mitte 2015 rund ein Dutzend Zimmer nebst Gemeinschaftsräumen in Eigenarbeit geschaffen. Tipp für Interessenten: Die KoWa macht auch einen Tag der offenen Tür!

 

August-Bebel-Straße 4
99880 Waltershausen
Tel.: 03622 200504
Fabrikgebäude
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Puppenfabrik
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Festschrift Kämmer und Reinhardt
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Geschäftspost
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Fabrikansicht
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