Standort Bad Sulza / Station Saline

Mal richtig Salzluft schnuppern

Waren Sie schon einmal in einer Salzgrotte? Das sind erholsame Einrichtungen, in denen man salzhaltige Luft inhalieren kann. Das dient der gesunden Atmung und strafft die Haut – so jedenfalls werben diese kleinen Wellness-Tempel.  Die Inhalation des Salzes und begleitender Mineralien wie Jod, Kalzium, Magnesium und Brom wird bei chronischen Infekten der Atemwege und  bei Allergien, jedoch auch zur allgemeinen Stärkung des Immunsystems empfohlen.

Doch das Einatmen von solehaltiger Luft zu medizinischen Zwecken ist keinesfalls eine Erfindung der Neuzeit. In Thüringen gibt es in Bad Salzungen und in Bad Sulza heute noch vielbesuchte historische Gradierwerke. Derartige Anlagen hatten zunächst eine ganz andere Funktion. Sie dienten der Gewinnung von Salz aus Sole, ohne dass man die Sole dazu künstlich erhitzen musste. In Bad Sulza existierten nahezu 200 Jahre lang drei imposante Gradierwerke nebeneinander. Das waren bis zu 140 Meter lange Bauwerke mit einer Balkenkonstruktion. In dieses Gerüst sind Schwarzdornbündel eingearbeitet. Mit Hilfe von Pumpen wird die Sole auf das Gradierwerk gehoben und mittels Tröpfelrinnen über die Dornenwände verteilt. Beim Herabrieseln der Sole erfolgt durch den Schwarzdorn eine beträchtliche Oberflächenvergrößerung. Dadurch wird eine günstige Voraussetzung zum Verdunsten des Wassers erreicht. Neben der Konzentrationserhöhung wird die Sole gleichzeitig gereinigt, indem sich Verunreinigungen an den Dornen absetzen. Dadurch entsteht der so genannte Dornstein. Beim Verdunsten wird eine geringe Menge von Salzteilchen durch die Luft weggeführt. In unmittelbarer Nähe des Gradierwerkes wird die Luft dadurch salzhaltig – dies bildet die Voraussetzung für die medizinische Inhalation.

Wohl jeder Landesherr im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert schielte neidvoll auf die sich glanzvoll entwickelnden Kurorte Baden-Baden, Ems, Wiesbaden und Schwalbach. Was sie vormachten, wollten auch andere. Ein regelrechtes Heilquellen- und Bäder-Fieber grassierte. Auch Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar träumte von einem luxuriösen Bad im eigenen Land, einer vielleicht vorzüglichen Einnahmequelle. Und wieder einmal hatte Goethe seine Hände im Spiel. Der Geheimrat soll die Anregung zum Einsatz der Sole in Bad Sulza gegeben haben. Im Jahre 1828 weilte er hier zur Besichtigung der Saline.Der an Bergbau interessierte Goethe besah sich aber nicht nur die gut gehenden Anlagen, sondern machte auch eine Wanderung durch die Umgebung bis hinauf zum nahen Herlitzberg. Dabei studierte er die Flora und schloss am Fuße des Berges aufgrund der dort vorkommenden Salzpflanzen auf solehaltiges Quellwasser. So regte er an, auch dort nach Sole zu graben. Gleichzeitig empfahl er, im Ort eine Kuranstalt zu errichten. Natürlich war die Nutzung der Sole im Dienste der menschlichen Gesundheit bereits sehr viel früher bekannt. Schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts veröffentlichte der Arzt Johann Gregorius Gerhardt einen Aufsatz über die Anwendungsbereiche und es erfolgte eine Behandlung mit so genannter Sulzaer Mutterlauge.Wenig später, 1748, gab man nachweislich das Gradierwerk „Louise“ zur Freiluftinhalation frei.

Die „Louise“, welche ab 1896 ausschließlich zu Inhalationen genutzt wurde, versah man später mit Wandelgang und Sitzgelegenheiten. Rundherum baute man noch einige Sport- und Erholungsmöglichkeiten. Übrig geblieben ist heute eine große Wiese, in deren Mitte das Gradierwerk steht. Nur am Rande erinnert eine alte Freilichtbühne an jene Zeiten, da es hier noch Kurkonzerte und Trinkpromenaden gab. Längst hat sich der Kurbetrieb in Bad Sulza in Richtung Zentrum verlagert. Das alte Gradierwerk funktioniert aber heute noch und bildet eine willkommene Abwechslung ebenso wie eine touristische Attraktion. Nach der 1989er-Wende brach für alle ostdeutschen Kur- und Erholungsorte keine rosige Zeit an. Die einst staatliche Anerkennung musste neu erkämpft werden. Dazu gehörten die Privatisierung der Kliniken, die Erneuerung aller Kuranlagen, die Verschönerung der Städte, der Ausbau der Infrastrukturen, ansprechende Pensionen, Hotels und Restaurants, interessante Freizeitangebote und vieles mehr. Im Klinikzentrum Bad Sulza werden heute vorwiegend Patienten mit chronischen Krankheitsbildern behandelt.

Die Inhaber des Klinikzentrums hatten 1993 eine zündende Idee – sie boten in ihrem Hause einen Liquid-Sound an, ein Baden mit Licht und Musik. Das Konzept überzeugte alle, Betreiber, Erfinder wie Besucher. Der Andrang war schließlich so enorm, dass man sich entschloss, Nägel mit Köpfen zu machen und die Toskana-Therme errichtete. Sie mutet in ihrer Architektur etwas außerirdisch an – was ihr eine Goldmedaille des Bundesverbandes Schwimmbad-, Sauna- und Wassertechnik einbrachte. So richtig gemütlich Salzluft schnuppern aber, das geht am besten im alten Gradierwerk „Louise“.

 

Das historische Gradierwerk „Louise“ befindet sich am Rande von Bad Sulza in der Straße „Am Gradierwerk 1“. Es öffnet zur Besichtigung und zur medizinischen Nutzung. Allerdings wird von Dezember bis Ende März eine Winterpause eingelegt.


Öffnungszeiten:

Dienstag und Freitag 14 bis 17 Uhr

Mittwoch und Donnerstag 10 bis 12 und 13 bis 16 Uhr

Samstag und Sonntag 10 bis 12 und 13 bis 17 Uhr

 

www.bad-sulza.de

Das Thüringer Weintor. Im Hindergrund ist die Saline ?Louise? mit dem Gradierwerk zu sehen.
Das Thüringer Weintor. Im Hindergrund ist die Saline ?Louise? mit dem Gradierwerk zu sehen.
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