Standort Erfurt / Station Gartenbaubetrieb Ernst Benary

Die Blumenstadt und ihre Gartnersch-Waiber

Früher war ganz Erfurt von Blumen- und Gemüsefeldern umgeben. Wo heute Wohnsiedlungen, Einkaufszentren, Logistik-Zentralen oder Autohäuser ihren Platz gefunden haben, wuchsen Blumenkohl, Gurken, Weißkohl oder Salat. Erfurt galt als Blumenstadt, mancher sprach aber lieber ganz sachlich von der Stadt des Gartenbaus. Rund um Erfurt betrieben Mönche schon um das Jahr 800 den Gemüse- und auch Weinbau. Dazu kam bereits im 9. Jahrhundert der Anbau von Färberwaid. Aus den Pflanzen gewann man in einem aufwendigen Verfahren einen blauen Farbstoff, der im Mittelalter sehr beliebt war und der zum großen Reichtum der Stadt beitrug. Nirgends sonst in Deutschland wurde derart viel Waid angebaut wie rund um Erfurt.  Als der Waid im 17. Jahrhundert durch das importierte Indigo verdrängt wurde, baute man in und um Erfurt vermehrt Gemüse an. Auch die Politik hatte ihren Anteil am Aufblühen rings um die heutige Landeshauptstadt. Verordnungen der mainzischen Obrigkeit zeugen vom Bemühen, den Gartenbau zu beleben.

Im 18. Jahrhundert stellte Christian Reichart den Erfurter Gartenbau auf einen völlig neuen Boden. Er suchte gezielt nach Methoden zur Ertragssteigerung und kultivierte das Dreibrunnengebiet für den Anbau der Brunnenkresse sowie anderer Gemüsekulturen, allen voran dem Blumenkohl. Reichart befasste sich mit der Zucht von Gemüse- und Blumensamen, die er in großen Mengen exportierte. So wurde der Erfurter Rettich sehr schnell bekannt, seinen Samen lieferte man bis nach Russland. In der zweiten Hälfte des 18. und vor allem im 19. Jahrhundert entwickelten sich neben den Gemüsegärtnereien die für Erfurt typischen Kunst- und Handelsgärtnereien. Aus Ein-Mann-Betrieben entstanden nicht selten innerhalb weniger Jahre große Samenzucht-Unternehmen. Vier Namen prägten seitdem den Gartenbau in Erfurt: Blumenschmidt (1828 gegründet), Benary (1843), Heinemann (1848) sowie Chrestensen (1867). Der Handel mit Gemüse- und Blumensamen trug Erfurts Namen nach Europa, Amerika und Australien. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges erlangte der Erfurter Gartenbau Weltruhm, er dominierte sowohl die Züchtung als auch den Handel mit gartenbaulichen Saat- und Pflanzgut.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele private Gartenbaubetriebe in Erfurt liquidiert, indem sie in Genossenschaften aufgingen oder schließlich verstaatlicht und zu volkseigenen Betrieben wurden. Andere waren gezwungen, dem zunehmenden staatlichen Druck, der alle privatwirtschaftliche Betätigung einzudämmen versuchte, nachzugeben und ihre angestammten Betriebe zu verlassen. Einige fassten in den westlichen Zonen wieder Fuß und konnten auf diese Weise die Erfurter Gartenbautradition fortführen. Das Schicksal der wohl bedeutendsten Erfurter Gartenbau-Firma Ernst Benary steht stellvertretend dafür. Die Kunst- und Handelsgärtnerei entwickelte sich rasch zur größten ihrer Art in Erfurt. Von Anfang an orientierte die Firma auf Samenzucht und Export. Benary bewirtschaftete bald das größte Terrain, er beschäftigte Anbauer im In- und Ausland. Als der Gründer 1893 starb, hatte es die Firma bereits zu weltweiten Handelsbeziehungen gebracht. Seine Söhne Friedrich und John führten das Geschäft weiter. Die Jahre zwischen 1890 und 1914 stellten den Höhepunkt in der Firmengeschichte dar. Die Benarys engagierten sich auch für soziale, städtische, wirtschaftliche und kulturelle Belange, so als Stadtverordnete oder durch Mitgliedschaft in Vereinen und Institutionen. Friedrich Benary beispielsweise war von 1912 bis 1916 der Vorsitzender der Handelskammer Erfurt. Ernst Benary, der Sohn von Friedrich, stieg 1917 in den Betrieb ein. Unter seiner Führung überstand das Unternehmen beide Weltkriege, scheiterte aber schließlich an den Verhältnissen in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR.

Doch die Benarys zeigten Voraussicht: Schon 1945 gründete einer der Benarys eine Ausweichfirma in Hann. Münden (Niedersachsen). Ernst Benary musste 1951 seinen Erfurter Betrieb aufgeben. Er zog zu seinem Sohn nach Hann. Münden. Dort führten sie die Familientradition erfolgreich fort. In Erfurt aber blieben schöne Bauten zurück, die heute noch das Gesicht der Stadt mitprägen. Das wohl wichtigste ist der heutige Sitz der Thüringer Aufbaubank. Die Firma Ernst Benary war 1890 in das neu errichtete Geschäftsgebäude in der Burgstraße (heutige Gorkistraße) gezogen.

Die Thüringer Aufbaubank wurde 1992 als Anstalt des öffentlichen Rechts gegründet. Als Förderbank des Freistaats hat sie zahlreiche Aufgaben in der Wirtschafts-, Landwirtschafts- und Wohnungsbauförderung übernommen. Auch die Umweltschutz- und Infrastrukturförderung gehört dazu. Ein Teil der Aufbaubank ist in einem benachbarten Bürogebäude untergebracht. Es wird vom historischen Hauptgebäude über eine verglaste Brücke erschlossen. Schon 1878 hatte sich die Familie Benary in unmittelbarer Nähe eine Villa bauen lassen. Auch ein Speichergebäude wurde gebaut, welches die Stadt Erfurt inzwischen museal nutzt.

Lebendig wird die Tradition des Erfurter Gartenbaus aber vor allem auf dem Domplatz. An Markttagen bieten hier stets auch heimische Gärtner ihre Blumen und ihr Gemüse an. Allerdings unterscheiden sie sich zumindest in ihrem Auftritt von den „Gartnersch-Waiber“, die den Markt noch vor gut 100 Jahren geprägt hatten. In unverwechselbarem Dialekt schrien sie damals ihre Angebote für „griene Ware“ über den Platz, das es nur so schallte.

 

Die Benary-Villa befindet sich am Benaryplatz in Erfurt. Hier ist mittlerweile ein Gesundheitszentrum beheimatet, welches unter anderem Kurse anbietet.

Das Benary-Hauptgebäude steht in der Erfurter Gorkistraße. Es ist zum Sitz der Thüringer Aufbaubank geworden.
Während der Geschäftszeiten kann es nach Anmeldung beim Empfang teilweise auch von innen besichtigt werden.

Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag von 9 bis 16 Uhr, freitags bis 13 Uhr.


Der Benary-Speicher steht in der Brühler Straße 37. Er beherbergt das Druckereimuseum der Stadt Erfurt sowie eine Südsee-Sammlung.
Das Museum öffnet nur nach Anmeldung unter (0361) 655 56 52.

Hauptverzeichnis Benary
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Benary Gelände
Benary Gelände
Benary-Hauptgebäude
Benary-Hauptgebäude
Speicher
Speicher
Villa
Villa
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